In diesem spannenden Einblick in die Welt der Therapiehunde berichten wir über die Ausbildung und die Aufgaben der Vierbeiner und sprechen mit der ersten Vorsitzenden des Deutschen Berufsverbandes für Therapie- und Behindertenbegleithunde e.V., Ines Pawlitzki.

Inhaltsverzeichnis:

Einsatzmöglichkeiten von Therapiehunden

Therapiehunde können Familien, einzelne Personen und Institutionen auf den Gebieten Gesundheit, Resozialisierung und Rehabilitierung unterstützen. Sie werden dabei erfolgreich zur Förderung von Kindern und zur Unterstützung Erwachsener eingesetzt und sind eine wunderbare Ergänzung für die Arbeit in therapeutischen Praxen, in Beratungsstellen und in Einrichtungen wie zum Beispiel Alten- und Pflegeheimen sowie in der Betreuung von behinderten Menschen. Im Vergleich zu einem Assistenzhund, der speziell dazu ausgebildet wird, Menschen mit einer schweren Behinderung praktisch bei der Bewältigung ihres Alltags zu helfen, werden Therapiehunde vor allem im pädagogischen und seelsorgerischen Bereich und zur emotionalen Unterstützung eingesetzt.

Ausbildungsseminare zum Therapiehunde-Team

Unter anderen bietet der Deutsche Berufsverband für Therapie- und Behindertenbegleithunde e.V. in Seminaren eine Ausbildung zum Therapiehunde-Team an.

Grundsätzlich gibt es keinen Ausschluss bestimmter Rassen, denn es hat sich gezeigt, dass es sehr stark auf den Hund als Individuum ankommt und nicht, welcher Rasse er angehört. Wichtig ist allerdings, dass Statur und Wesen des Hundes zu seinem künftigen Einsatzfeld passen: Eine große deutsche Dogge wäre beispielsweise als Kuschelpartner in einem Altenheim eher weniger geeignet – als Therapiebegleithund kann ein großer Hund jemandem mit einer neurologischen Störung hingegen viel Vertrauen und Sicherheit vermitteln. Der Mensch sollte für sein Team also einen Hund auswählen, der gut für die vor ihm liegende Aufgabe geeignet ist. Weitere wichtige Kriterien sind die Gesundheit des Tieres, sein Lernwille und die Freude daran, sich an „seinem“ Menschen zu orientieren und mit Menschen zu arbeiten. Hinsichtlich des Alters gilt, dass Hunde mindestens 15 Monate alt sein und erste Trainingseinheiten (z.B. eine Welpenschule oder ein Junghundetraining) absolviert haben sollten. Doch auch mit älteren Hunden kann ein Ausbildungsseminar absolviert werden – denn auch wenn diese vielleicht nicht mehr selbst zum Einsatz kommen, ermöglichen sie ihrem Mensch alles über die Arbeit als Therapiehundeführerin oder -führer zu lernen.

Eine Voraussetzung für die Teilnahme an einem Ausbildungsseminar gibt es aber: Die Hunde müssen eine BVP (Begleit- und Verkehrshunde-Prüfung) absolviert haben, um einen Grundgehorsam nachzuweisen – denn dass sich der Hund Hundeführerin oder -führer unterordnet, ist wichtig für die Zusammenarbeit des Teams.

Jemand, der Interesse an einer Ausbildung zur Therapiehundeführerin oder zum Therapiehundeführer hat, kann sich zusätzlich gut auf die Seminare vorbereiten, indem sie oder er für die Zeit der Ausbildung einen Trainingsort für Hund und Mensch in der Nähe sucht – beispielsweise in einem Altenheim, einem Kinder- oder Jugendheim, einer Schule oder einer Behindertenwerkstatt. Aber auch für Menschen, die noch keinen eigenen Hund besitzen, gibt es eine Lösung: Für den praktischen Teil der angebotenen Seminare kann mit einem Leihhund geübt werden.

Ines Pawlitzki ist die erste Vorsitzende des DBTB e.V. und lizensierte Ausbilderin für Therapie- und Behindertenbegleithunde. Mit ihr haben wir darüber gesprochen, warum sie sich für die Arbeit mit Therapiehunden engagiert und auf welchen Gebieten der psychischen Gesundheit die vierbeinigen Helfer eingesetzt werden können.

Interview mit Ines Pawlitzki, erste Vorsitzende des DBTB e.V.

Was fasziniert Sie an Therapiehunden?

Hunde sind für uns als Therapeutinnen oder Therapeuten sowie auch für die Nicht-Therapeutinnen und -Therapeuten, also für alle, die in diesem Bereich arbeiten, ein Motivator, der eigentlich unbezahlbar ist. Sie sind Türöffner, sie sind diejenigen, für die Patientinnen und Patienten bereit sind, etwas zu machen, ohne dass sie überhaupt mitbekommen, was sie da tun. Vieles würden Patientinnen und Patienten für mich als Menschen, als Therapeuten, vielleicht nur widerwillig oder nur halbherzig – oder Kinder manchmal auch gar nicht – tun.

Für den Hund aber machen die Patientinnen und Patienten es, sie denken nicht darüber nach. Wir arbeiten da wirklich auf der emotionalen und nicht auf der bewussten Schiene, bei der sich jemand sagen würde „Ich muss jetzt hier irgendeine Übung machen, damit sich bei mir mein Gesundheitszustand (in welcher Form auch immer) verbessert oder erhält“. Und das ist das, was die Hunde uns in der Arbeit erleichtern. Patientinnen und Patienten sind auch bereit, mit einem Hund Übungen noch einmal zu machen, auch wenn sie sie schon dreimal gemacht haben – der Hund motiviert also ganz anders.

Wie sind Sie zum DBTB e.V. gekommen?

Ich war zum damaligen Zeitpunkt, das war Ende der 1990er-Jahre, selbstständige Ergotherapeutin in einer eigenen Praxis, hatte mich schon zwei, drei Jahre mit dem Thema auseinandergesetzt und mir dann einen Irish Setter zugelegt, den ich für diese Arbeit ausbilden wollte. Und wenn, dann wollte ich es richtig machen und so ging ich auf die Suche nach einer passenden Ausbildung. Im Jahr 2000 war dieser ganze Bereich in Deutschland ja noch eine absolute Brachfläche und der einzige damals gerade frisch gegründete Verband war der DBTB. Bei dem habe ich mich dann gemeldet und mit meinem Hund dort die Ausbildung angefangen, abgeschlossen und bin dort hängengeblieben.

Wie ist aus Ihrer Sicht das zunehmende Interesse an Therapiehunden zu erklären?

Also ich finde es auf der einen Seite ganz toll, dass das Interesse zunimmt, weil uns die Hunde in vielen, vielen verschiedenen Bereichen helfen können. Ich glaube im Jahr 2000 wäre keiner auf die Idee gekommen, einen Hund als Begleitung von Kindern mit in die Zahnarztpraxis zu nehmen, oder auch in eine Klinik, das wäre unvorstellbar gewesen. Das ist heutzutage eher nicht mehr so und das finde ich ganz toll. Was mich ein bisschen mit Sorge erfüllt ist, dass es leider viele Menschen gibt, die glauben, auch ihren normalen braven Familienhund einsetzen zu können, ohne dass Mensch oder Hund eine Ausbildung haben. Ohne, dass man weiß, wann der Hund unter- oder überfordert ist und wie er in einer bestimmten Situation reagiert. Nur, weil sie ihn nicht zuhause lassen können. Dieser ganze Bereich ist auch seitens des Gesetzgebers noch nicht wirklich irgendwo definiert oder geschützt. Da habe ich noch ein großes Arbeitsfeld im Augenblick, denn es ist ja nicht nur bei den Therapiehunden so, auch bei den Assistenz- oder Behindertenbegleithunden ist es ähnlich, wobei diese im Status bei manchen Sachen etwas besser dastehen. Aber bezogen auf Therapiehunde gilt derzeit: Es kann jeder Therapiehunde ausbilden; egal ob er Ahnung hat oder nicht.

Was ist Ihnen besonders wichtig bei der Ausbildung der Teams?

Dass ich mit gesunden Hunden arbeite. Wir erwarten von unseren vierbeinigen Arbeitskollegen Leistung. Eine Leistung kann man aber nur erbringen, wenn man gesund ist. Und Hunde zeigen ihre Schmerzen leider häufig erst sehr spät. Als Mensch wundert man sich dann, warum der Hund nicht oder nicht mehr die Leistung erbringt, die er schon mal gezeigt hat. Die Gesundheit des Hundes steht also wirklich an allererster Stelle.

Die zweite Voraussetzung ist, dass es auch wirklich Hunde sind, die mit ihren Menschen zusammen arbeiten wollen. Die aus Arbeitswillen bereit sind, etwas zu tun, auch wenn es nicht immer perfekt ist. Denn hier kommt es nicht auf Perfektion an, sondern auf die Freude; wir wollen sehen, dass die Hunde Spaß bei der Arbeit haben. Mit einem Hund, der nur gedrillt auf Kommandos reagiert, hat weder die Patientin oder der Patient, noch der Hund, noch ich als Hundebesitzerin Spaß. Es geht genau um diese Lernfreudigkeit, die Freude mit Menschen zu agieren und das auch mit vielen unterschiedlichen Menschen, denn es gibt ja auch Hunde, die von ihrer Prägung, Genetik oder Veranlagung her zwar menschenfreundlich sind, aber nur zum eigenen Rudel. Der Hund muss also auch einem Fremden gegenüber eine Beziehung aufbauen können.

Wie können Ihrer Meinung nach Therapiehunde im Bereich der psychischen Gesundheit am besten eingesetzt werden?

Jetzt gehe ich mal einen Schritt zurück: Rein theoretisch könnte man sagen, dass auch jeder normale Hund in gewisser Weise ein Therapeut für seinen Menschen und sein Rudel ist. Man ist als Hundebesitzerin oder -besitzer etwas anders als jemand ohne Hund. Man muss mehr raus, man muss sich auch mal ein bisschen zusammenreißen, wenn es einem nicht so gut geht, weil der Hund versorgt werden will. Man kommt nach einer schwierigen Phase vielleicht früher wieder auf die Idee, aktiver zu sein und nicht mehr so introvertiert. Man hat mehr Kontakte, die wir Menschen ja einfach auch brauchen, denn wir sind nicht fürs Alleinsein gemacht. Und wenn ich ein psychisch erkrankter Mensch bin – ich nehme mal das Beispiel der Posttraumatischen Belastungsstörung – geben mir diese Hunde in dem Moment Sicherheit, ich muss aber als betroffener Mensch nicht direkt wieder danke sagen oder eine Gegenleistung erbringen. Und das ist eben ein großer Vorteil bei den Hunden, sie tun etwas, aber sie erwarten nichts. Gut – ein Leckerchen vielleicht oder vielleicht doch mal ein freundliches Wort – aber nicht in dem Maß wie wir Menschen. Die Erwartungshaltung des Hundes ist eine andere und wenn die Beziehung stimmt und beide eine gute Basis miteinander haben, dann darf ich das Leckerchen auch mal vergessen, ohne dass es mir der Hund übel nimmt. Vergesse ich allerdings meiner Nachbarin, die heute zum dritten Mal für mich einkaufen war, danke zu sagen, kann das ein Geschmäckle kriegen und sie kauft für mich danach nicht noch einmal ein.

Können Sie uns von einer Situation erzählen, in der ein Therapiehund helfen konnte?

Ja, ich gebe mal ein Beispiel, das ich mit meinem Irish Setter erlebt habe. Ich betreute damals eine ältere Dame, eine rüstige Landbäuerin – aktiv bis zum Sankt Nimmerleinstag. Ihr musste ein Unterschenkel amputiert werden und sie war zur Kurzzeitpflege in einer Einrichtung, in einem Seniorenheim, während die Familie zuhause alles umbaute, denn es war klar, sie geht wieder nach Hause. Diese Dame war natürlich mit ihrer Situation sehr überfordert, auch psychisch, denn sie stand im luftleeren Raum. Man bat mich, bei meinem Besuch auch bei ihr mit reinzuschauen. Womit ich nicht gerechnet habe, war ihre Reaktion: Sie freute sich wahnsinnig, dass der Hund da war. Sie rief meinen Hund gleich zu sich heran, hoch ins Bett, knuddelte mit ihm und sagte zu mir: „Aber Sie setzen sich da vorne in den Sessel an die Tür“. Also ihr war ganz klar: Ich hatte hier nichts zu sagen, ich war von ihr nicht gewollt. Aber meinem Hund erzählte sie bei jedem Besuch ihre Lebensgeschichte, sie weinte sich bei ihm aus, sie legte die Situation dar, und ich glaube das war etwas, was ihr sehr geholfen hat, irgendwie mit der Lage klar zu kommen. Sie wollte kein Gespräch mit einer Psychologin, einem Psychologen oder irgendwem anders, sie war völlig gegen mich, aber für den Hund. Ich konnte es mir auch erlauben, tiefenentspannt in meinem Sessel sitzen zu bleiben, weil ich wusste, mein Hund stellt nichts an. Ich habe die beiden miteinander interagieren lassen und ja, da hat der Hund für mich die komplette Arbeit gemacht.

Wie und wo könnte Ihre Arbeit besser unterstützt werden? Stoßen Sie auf Widerstände, zum Beispiel in Einrichtungen?

Naja gut, es gibt immer mal wieder Widerstände, vor allem, wenn Argumentationen herangezogen werden wie etwa das Thema Hygiene, wobei sich doch alles regeln und festschreiben lässt. Das ist für mich manchmal ein eher fadenscheiniger Grund und ich glaube wir brauchen noch recht viel Aufklärungsarbeit bei den entsprechenden Institutionsleitungen sowie der Abteilungs- und Hausleitung, weil diese sich unsere Arbeit manchmal gar nicht vorstellen können. Sie gehen wirklich oftmals nur davon aus, dass es ein – ich sag mal – Besuchsprogramm ist, bei dem ich in ein Seniorenheim gehe, die Omas eine Stunde meinen Hund streicheln lasse und schick! Dass ein Therapiehund noch viel, viel mehr leisten kann, ist für manche so gut wie nicht vorstellbar. Das ist die eine Seite. Von der Seite des Gesetzes wünschen wir uns natürlich ganz klar eine saubere Ausbildungsregelung und eine entsprechende Vergütung beziehungsweise Anerkennung für die Arbeit der Therapiehunde.


Mehr über die Arbeit des DBTB e.V. erfahren Sie hier: https://www.dbtb.info/

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