Vorlesen vor der ganzen Klasse? Da fürchtet so manches Kind die Kommentare der Mitschüler. Viel einfacher ist es doch, sich zunächst vor einem stillen Publikum zu üben, das sich dazu noch sehr über die Vorlesestunde freut. Die Rede ist von Tierheim-Katzen.

Tierschutzvereine in Berlin, München, Gifhorn und weiteren Städten setzen das aus Amerika stammende Konzept „Kinder lesen Katzen vor“ in Tierheimen um. Eine Win-win-Situation für Kinder und Tiere und ein gutes Beispiel dafür, wie die positive Wirkung der Katzen auf den Menschen erfolgreich genutzt werden kann. Die Samtpfoten lockern die sonst angespannte Vorlese-Situation auf und erhalten dabei Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten, die die Pfleger nicht in diesem Maße bieten können.

Entspannend für Kinder und Katzen

Wie laufen die „Kinder lesen Katzen vor“-Termine ab? Zur Lesestunde wird nicht etwa jedem Kind eine Katze zugeteilt und auf den Schoß gesetzt. Vielmehr sollen sich die Kinder zunächst vollständig auf das Lesen konzentrieren. So haben die Samtpfoten Ruhe und Zeit, sich im selbstbestimmten Tempo zu nähern oder auf Abstand zu bleiben. Zutrauliche Tiere gehen natürlich schneller auf die jungen Leser zu und fordern Streicheleinheiten. Ängstliche Katzen können sich mit der Zeit an die Stimme und das Verhalten der Kinder gewöhnen. Das rhythmische Vorlesen wirkt für die Samtpfoten beruhigend und gestaltet die Begegnung stressfreier als eine reine Kuschel- und Streichelstunde. Die Gesellschaft der vierbeinigen Book Buddies entspannt auch die Kinder und stärkt Selbstbewusstsein und Konzentrationsfähigkeit. Die Motivation, vor den Katzen laut vorzulesen, ist deutlich größer als in der Schule und das regelmäßige Lese-Training zahlt sich aus. Die Leseflüssigkeit verbessert sich. Nebenbei lernen die Kinder den artgerechten und respektvollen Umgang mit Vierbeinern. Für diejenigen, die sich nicht so recht für Katzen begeistern können, gibt es ähnliche Konzepte mit Lesehunden, denn: Auch Hunde helfen, lesen zu lernen und dabei sicherer zu werden.

Aktuelle „Kinder lesen Katzen vor“-Projekte

Ihren Ursprung hat die Idee des „Kinder lesen Katzen vor“-Konzepts in Amerika. Bereits 2014 sorgten Fotos des Projekts „Book Buddy“ aus einem Tierheim in Pennsylvania in den sozialen Netzwerken für Begeisterung. Kinder und Katzen als „Bücher-Kumpel“, die sich gegenseitig helfen. Entsprechende Projekte in Deutschland basieren auf demselben Prinzip. Sie richten sich schwerpunktmäßig an Erst- bis Viertklässler. In München können Kinder im Alter bis zu 14 Jahren teilnehmen. Wer das Angebot nutzen möchte, kann regelmäßig zwei- bis viermal im Monat für eine halbe Stunde in Gesellschaft der Katzen Vorlesen üben. Meist ist eine Anmeldung erforderlich, da sich die Projekte großer Beliebtheit erfreuen. Ob ganz ohne Erwachsene und mit wie vielen anderen Kindern variiert von Projekt zu Projekt. Im Kreis Gifhorn besteht eine Gruppe aus vier Kindern und je einem ehrenamtlichen Leselernhelfer. Die Grenze zwischen Lernen und Spielen verschwimmt dabei. So beschreibt eine der Helferinnen, dass sich hin und wieder mal eine Katze auf ein Buch setzt und gestreichelt werden will. In dieser lockeren Atmosphäre fällt es Kindern leichter, ihre Hemmschwelle zu überwinden. Das Lesetraining wird kostenlos angeboten. Natürlich sind die Vereine aber jederzeit dankbar für eine Spende zugunsten der Tierheimschützlinge.

Foto: © Una/Adobe Stock

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