Die meisten von uns haben im Rahmen ihrer Führerscheinprüfung bereits einen Kurs für Erste Hilfe am Menschen absolviert. Doch wenn es um unsere Vierbeiner geht, stehen viele zunächst hilflos da – Hund und Mensch haben schließlich eine ganz unterschiedliche Anatomie und die Angst, eher zu schaden als zu helfen, ist groß. Dabei gibt es ein paar Grundlagen, die recht einfach zu merken sind. Wir haben für Sie zusammengefasst, wie Sie Erste Hilfe am Hund leisten können.


Inhaltsverzeichnis:


Erste Hilfe am Hund: Einen Notfall erkennen

Etwas stimmt nicht mit Ihrem Vierbeiner und Sie sind sich nicht sicher, wie ernst Sie das nehmen sollten? Nicht immer ist die Notwendigkeit einer tierärztlichen Behandlung so eindeutig, wie es beispielsweise bei einer blutigen Verletzung der Fall sein mag. Es kann schwierig sein, einen Notfall als solchen zu erkennen. Um Sie in der Entscheidung, ob der Aufwand eines Praxisbesuches und die Kosten, aber auch der Stress für den Hund wirklich notwendig sind, zu unterstützen, haben wir eine Notfall-Checkliste für Sie. Insgesamt sollten Sie natürlich nach einem Unfall (beispielsweise einem Sturz aus größerer Höhe), einem heftigen Streit mit einem Artgenossen (Verletzungen am Hals und an den Ohren kommen häufig vor und können sich schnell entzünden, innere Verletzungen bedürfen einer Abklärung) und der Aufnahme von Fremdkörpern unbedingt Erste Hilfe am Hund leisten und Ihre Tierärztin oder Ihren Tierarzt aufsuchen. Weniger offensichtliche Notfälle können sich an folgenden Merkmalen äußern:

  • Stark veränderte Ausscheidungen, d.h. Kot oder Urin werden gar nicht mehr oder nur noch unter Schmerzen abgesetzt oder das Tier leidet unter flüssigem, blutigen Durchfall
  • Verlangsamte oder zu schnelle Atmung in Ruhe (normal sind 10 bis 30 Atemzüge in einer Minute)
  • Zu hohe, zu niedrige oder unregelmäßige Herzfrequenz (versuchen Sie, das Herz an der linken seitlichen Brustwand des Hundes zu ertasten; Sie sollten zwischen 80 und 120 Herzschläge pro Minute spüren)
  • Verfärbte Schleimhäute (eine gesunde Mundschleimhaut ist rosa und feucht)
  • Zu hohe oder zu niedrige Körpertemperatur (ein gesunder Hund hat eine Temperatur zwischen 38 und 39 Grad Celsius)

Generell sollten Sie lieber übervorsichtig sein und eine Tierärztin oder einen Tierarzt kontaktieren, als dass Sie eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes oder sogar das Leben Ihres Vierbeiners riskieren. Wenn Sie die Praxis Ihres Vertrauens nicht erreichen, kann eine tierärztliche Videosprechstunde bei unsicheren Symptomen hilfreich sein. Über das AGILA Notdienst-Telefon können Sie bei Verdacht auf einen Notfall ebenfalls Unterstützung einholen.

Maßnahmen für Erste Hilfe am Hund

Welche Maßnahmen für Erste Hilfe am Hund in Ihrer individuellen Situation die richtigen sind, hängt von der Art des Notfalls ab. Hat sich Ihr Hund verletzt, ist sein Kreislauf gestört, ist er bewusstlos oder zeigt er Vergiftungserscheinungen? In dieser Tabelle haben wir Ihnen häufige Notfälle, ihre Symptome und die passenden Maßnahmen aufgeführt. Beschäftigen Sie sich damit bereits im Vorfeld, um im Notfall schnell handeln zu können.

Notfall

Symptome

Erste Hilfe-Maßnahmen

Schockzustand

  • Apathie
  • Sinkende Körpertemperatur
  • Mangelnde Reaktion auf Umweltreize
  • Erhöhte Atem- und Herzfrequenz
  • Blasse Schleimhäute
  • Hund in eine seitliche Lage bringen und in wärmende Decken hüllen
  • Kopf strecken um die Luftzufuhr zu sichern
  • Hinteren Körperteil leicht höher lagern

Insektenstiche

  • Starkes Speicheln
  • Atembeschwerden
  • Schwellungen
  • Ggf. Stachel entfernen
  • Betroffene Stelle kühlen
  • Auf allergische Reaktionen achten, wie bei Bienen- oder Wespenstichen
  • Bei Stichen im Mund/Rachen: Eis für Hunde füttern

Hitzschlag

  • Hecheln, Speicheln
  • Herzrasen, Zittern
  • Erhöhte Körpertemperatur (über 41°C)
  • Orientierungslosigkeit, Schwäche
  • Durchfall, Erbrechen
  • Blutungen, knallrotes Zahnfleisch
  • Kollaps, Koma, Krämpfe
  • Lauwarmes (nicht zu kaltes) Wasser anbieten
  • Bei Bewusstlosigkeit prüfen, ob die Atemwege frei sind
  • Feuchte Tücher (abreiben, nicht abdecken!), vorsichtig kühlende Duschen oder Wasserbäder (an den Pfoten beginnend)
  • Hochkonzentrierten Alkohol auf dünn behaarte Körperstellen auftragen (darf nicht abgeleckt werden!)

Unterkühlung

  • Zittern, gesträubtes Fell
  • Unruhe, dann Apathie/Schläfrigkeit
  • Ggf. abtrocknen
  • Pfoten/Schwanzspitze vorsichtig in lauwarmem Wasserbad wärmen
  • Bei einzelnen Stellen betroffenes Körperteil mit einem Verbandtuch umwickeln
  • Mit eigener Körperwärme wärmen
  • Rettungsdecke umwickeln

Vergiftung

Je nach Ursache vielfältige Symptome:

  • Speicheln, Schaum vorm Mund
  • Blasse oder blaue Schleimhäute, Blutungen
  • Schnelle Atmung und Herzrasen
  • Zu hohe/zu niedrige Körpertemperatur
  • Kreislaufprobleme, Bewusstlosigkeit
  • Lähmungserscheinungen
  • Erregung, Zittern, Krämpfe
  • Aufgeblähter Bauch
  • Erbrechen/Durchfall
  • Ursache nach Möglichkeit herausfinden
  • Kohletabletten können der Giftaufnahme aus dem Darm in den Kreislauf entgegenwirken
  • Ggf. nach tierärztlicher Anweisung den Hund zum Erbrechen bringen

Magendrehung

  • Aufgeblähter, berührungsempfindlicher Bauch
  • Unruhe, Kreislaufprobleme, Schwäche
  • Vergebliche Versuche, zu erbrechen
  • Speicheln, blasse Mundschleimhaut
  • Schneller Atem und schwacher Puls
  • Erste Hilfe-Maßnahmen gibt es nicht
  • Schnellstmöglicher Transport zur Tierärztin oder zum Tierarzt

Wunden, Verletzungen

  • Leichte bis starke Blutung
  • Innere Verletzungen können durch Humpeln, Schonhaltung oder blasse Schleimhäute erkennbar sein
  • Wundversorgung
  • Verletzte Gliedmaßen weich und schonend lagern
  • Eingespießte Gegenstände belassen, da sonst die Gefahr weiterer Verletzungen und starker Blutung besteht!
  • Verätzungen mit lauwarmem Wasser für 15 Minuten abspülen

Knochenbrüche

  • Lahmheit, Schongang zur Entlastung
  • Schwellung, Blutergüsse
  • Knackendes Geräusch bei Bewegung
  • Unnatürliche Winkelung/Position des Knochens
  • Nach Möglichkeit Schienen (bspw. mit langen Stangen, Stöcken, etc.)
  • Offene Stellen mit sauberen, feuchten Tüchern schützen

Augenerkrankungen

  • Rötungen, Schwellungen
  • Tränen, Juckreiz
  • Blutungen/Verletzungen
  • Vermehrtes/schnelles Blinzeln
  • Hervortretende Augen
  • Blindheit
  • Eingespießte oder scharfe bzw. spitze Fremdkörper im Auge nicht entfernen
  • Losere Fremdkörper bspw. im Bindehautsack vorsichtig mit einem angefeuchteten Wattestäbchen rausschieben (tierärztliche Kontrolle des Auges trotzdem nötig!)
  • Bei losen Fremdkörpern/-flüssigkeiten: Augen großzügig mit lauwarmem Wasser spülen
  • Kratzen am Auge verhindern
  • Hervortretende Augäpfel mit einem nassen Tuch feucht halten und vorsichtig versuchen, das Lid wieder über den Augapfel zu ziehen

Atemstörungen/-stillstand

  • Röcheln, Schwierigkeiten beim Luftholen
  • Keine Atmung vorhanden
  • Bei verschluckten Gegenständen: Würgen, Husten, Speicheln
  • Hund in rechte Seitenlage bringen, Kopf leicht überstreckt
  • Mund öffnen, Zunge vorsichtig seitlich hinausziehen
  • Ggf. Gegenstände oder Erbrochenes auf Mund und Rachen entfernen (verschluckte Bälle vorsichtig von außen den Hals hinauf massieren)
  • Ggf. künstliche Beatmung
  • Bei Ertrinken: Hund zunächst am Körper so hochheben, dass sein Kopf nach unten gerichtet ist und das Wasser ablaufen kann (leichtes Klopfen auf den Brustkorb kann helfen), nach ungefähr 20 Sekunden in die Seitenlage bringen

Herzstillstand (mit Atemstillstand)

  • Herzschlag an der linken seitlichen Brustwand nicht mehr spürbar
  • In der Oberschenkelinnenseite ist kein Puls mehr spürbar
  • Herzmassage mit Beatmung

Wiederbelebende Maßnahmen am Hund

Manchmal sind wiederbelebende Maßnahmen am Hund die letzte Hoffnung für das Tier. Bevor Sie diese jedoch angehen, ist es wichtig, dass Sie zunächst die Atmung, den Puls und die Pupillenreaktion prüfen. Ob eine Pupillenreaktion vorhanden ist, erkennen Sie daran, indem Sie vorsichtig das Augenlid nach oben schieben, Sie öffnen also behutsam das Auge des Hundes. Durch den Lichteinfall sollte sich die zuvor geweitete Pupille zusammenziehen. Sollten Sie die Atmung des Hundes nicht durch ein deutliches Heben und Senken des Brustkorbs sehen, können Sie versuchen, es zu ertasten. Sollte es auch nicht spürbar sein, können Sie Ihre angefeuchtete Hand vor die Nase Ihres Tieres halten, um ggf. einen leichten Luftzug zu spüren.

Nur, wenn Sie folgende Fragen „richtig“ beantworten, sollten Sie wiederbelebende Maßnahmen beim Hund angehen:

  • Können Sie eine Atmung feststellen? -> Nein.
  • Hat der Hund einen Puls/schlägt das Herz? -> Nein.
  • Hat der Hund eine Pupillenreaktion? -> Ja.

So führen Sie eine künstliche Beatmung beim Hund durch: Schieben Sie die Zunge des Hundes in seine Maulhöhle, halten Sie seinen Mund zu, legen Sie ein dünnes Tuch über die Nase und blasen Sie fünf bis sechs Mal in die Nase – der Brustkorb des Hundes muss sich heben. Achtung: Bei kleinen Hunden nicht zu viel Luft reinpusten – bedenken Sie, dass die Lungen kleiner sind als Ihre. Setzt die Atmung nach einer Minute Wartezeit nicht wieder ein, können Sie ca. 10 Minuten lang mit jeweils 20 Atemstößen pro Minute den Versuch fortsetzen.

So führen Sie eine Herzmassage beim Hund durch (diese Anleitung gilt für größere Hunde, bei kleinen Hunden orientieren Sie sich bitte an der Ersten Hilfe für Katzen): Legen Sie den Hund auf die rechte Seite und stellen Sie sicher, dass nichts den Mundraum und/oder Rachen blockiert. Drücken Sie den Brustkorb hinter dem linken Ellenbogen des Hundes mit Ihrer flachen Hand zehnmal und beatmen Sie den Hund danach zweimal. Je nach Größe des Hundes müssen Sie dabei viel Kraft aufwenden – nur wenn sie den Brustkorb etwas eindrücken, wirkt die Herzmassage beim Hund.

Falls Herzschlag und Atmung weiterhin ausstehen, versuchen Sie es weiter in einem Rhythmus 15x Herzmassage und 2x Beatmung.

Verhaltensregeln für Erste Hilfe am Hund

Wichtig ist, dass Sie Ruhe bewahren und einen klaren Kopf behalten. So beugen Sie zum einen unbedachtem Handeln und möglicherweise lebensgefährlichen Fehlern vor, zum anderen haben Sie damit auch eine beruhigende Wirkung auf Ihren Liebling. Verständigen Sie außerdem umgehend Ihre Tierarztpraxis, damit diese sich auf Ihr Kommen vorbereiten können und Ihnen wichtige Ratschläge für die Erste Hilfe am Hund sowie den Transport geben. Außerdem kann es sein, dass Ihr Tier in Schmerzen unerwartet reagiert und beispielsweise um sich schnappt. Um weitere Unfälle zu vermeiden, ist ein bequemer Maulkorb sinnvoll – einige Hunde beruhigt dieser manchmal auch beim Tierarztbesuch.

Ideal ist in solchen Situationen natürlich professionelle Unterstützung. Diese gibt es beispielsweise über das Notdienst-Telefon, das nicht nur beratend zur Seite steht, sondern in einigen Regionen sogar einen Nottransport im Tierrettungswagen ermöglicht - informieren Sie sich, ob auch Ihr Ort angefahren wird. So müssen Sie sich nicht in der ganzen Aufregung auch noch selbst hinters Steuer setzen und das Tier wird entsprechend seiner Verletzungen möglichst schonend transportiert und Notfallversorgt. Mehr zu der Arbeit im Nottiertransport erfahren Sie im Interview mit Herrn Schlüter, der uns von der Tierrettung von TIER-NOTRUF.de erzählt hat.

Erste Hilfe am Hund: Vorbereitung in Kursen

Idealerweise sprechen Sie die genaue Zusammenstellung Ihrer Hundeapotheke für zuhause mit Ihrer Tierärztin oder Ihrem Tierarzt ab. Die individuellen Tiere haben schließlich auch individuelle Bedürfnisse, beispielsweise Allergien. Außerdem können Sie Ihren Erste Hilfe-Koffer für den Hund ruhig mit der Reiseapotheke zusammenlegen. Nach tierärztlicher Absprache können Sie außerdem Mittel gegen Schwellungen, Schmerzen oder allergische Reaktionen hinzufügen. So sollten Sie die grundlegende Ausrüstung für Erste Hilfe am Hund beisammen haben und für (fast) jede Notlage gewappnet sein! Falls Sie mit mehr Wissen und mehr Sicherheit Erste Hilfe am Hund beherrschen wollen, können Sie außerdem einen Erste-Hilfe-Kurs belegen. Kurse, die speziell auf Erste Hilfe am Hund ausgelegt sind, werden beispielsweise vom Arbeiter Samariter Bund (ASB) angeboten.

Sie haben auch einen Stubentiger zuhause? Dann informieren Sie sich ebenfalls über Erste Hilfe für Katzen – das lebensrettende Vorgehen bei unseren Samtpfoten ist anders als Erste Hilfe beim Hund.

Dieser Artikel wurde geprüft von Tierärztin Melanie Ahlers.

Die genannten Informationen stellen keine Anleitung zur Selbstdiagnose und Behandlung von Tierkrankheiten dar. Tierhalter sollten bei gesundheitlichen Problemen ihres Tieres in jedem Fall einen Tierarzt um Rat fragen. Diagnosen über das Internet sind nicht möglich.

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