Eine Reportage von Annika Grunert

Hufe klacken auf dem Asphalt. Ein Reiter nach dem anderen erscheint vor den Toren des Schlosses Fasanerie, bis die Gesellschaft komplett ist. Fehlen nur noch die eigentlichen Jäger: die Hunde. Auf dem Platz treffen die beiden Meuten aufeinander: 27 Beagle und 17 Foxhounds. Ohne Geknurre vermischen sich die Vierbeiner – so als würden sie schon immer zusammengehören. Dabei leben die einen in Thüringen – die Vogelsberger Meute - und die anderen in Hessen - die Taunusmeute. Einmal im Jahr dürfen sie hier in Eichenzell zusammen jagen – so wie an diesem Oktoberwochenende.

„Wir haben auch schon Schleppjagden mit drei Meuten veranstaltet. Wichtig ist, dass sie miteinander harmonieren. Wir kennen uns aber alle schon und so gibt es keinerlei Probleme“, sagt Sabine Walter, Vorsitzende der Jagdreiter Fulda.

Die Bläser spielen, es folgen ein paar Ansprachen und dann kann die Schleppjagd beginnen. Früher wurden tatsächlich Füchse oder andere Wildtiere gehetzt. Heute ist das in Deutschland verboten. Deshalb gibt es seit den 30er-Jahren Schleppjagden, bei denen etwas andere „Füchse“ zum Einsatz kommen. Bei der Zweimeutejagd im Landkreis Fulda sind es drei Pferde samt Reiter. Sie starten als Erstes. Bei einem der Pferde hängen Kanister am Sattel, aus denen eine Pansenspur auf die Wiesen und Felder tröpfelt. „Die Lösung kann aber auch aus anderen Duftstoffen bestehen. Es kommt immer darauf an, auf was die Hunde geprägt sind. Am besten ist es, wenn die Lösung nicht in der Natur vorkommt, damit die Meute nicht verwirrt wird und beispielsweise plötzlich einer anderen Spur folgt“, so Sabine Walter.

Eine 22 Kilometer lange Schleppjagd mit viel Gebell

Die Meuten und die fast 60 Pferde und Reiter folgen mit Abstand. Bei dieser Schleppjagd sind insgesamt 22 Kilometer zu bewältigen. Es gibt fünf sogenannte Schleppen, also Streckenabschnitte: Auf diesen geht es im Galopp voran und Baumstämme, Hecken und Zäune dienen als Sprünge. Die Jagdgesellschaft in Hessen ist in drei Gruppen aufgeteilt, die im Jagdjargon Felder heißen. Vorneweg im ersten Feld reiten die erfahrensten Jagdreiter. Für sie ist das Springen über die Hindernisse Pflicht. Das zweite Feld kann springen, muss aber nicht. Und das dritte Feld reitet an den Hindernissen vorbei, da es aus Anfängern besteht. Auf den meist zwei bis drei Kilometer langen Schleppen verteilt der „Fuchs“ die Fährte. Dieser Duftspur, Scent genannt, folgen die Beagle und Foxhounds völlig frei, und zwar mit viel Gebell, freudestrahlenden Augen und wedelnden Ruten.

Das funktioniert natürlich nicht von heute auf morgen: Die Hunde müssen das erst lernen. Mit einem Jahr kann das Training langsam beginnen. Anfangs folgen sie nur kurze Distanzen, die nach und nach vergrößert werden. Oft werden die Junghunde mit einem erfahrenen Hund zu einem Paar gekoppelt, sodass sich der Anfänger alles Wichtige vom Profi abschauen kann. Wenn die Grundlagen gut sitzen, kommen die ersten Pferde hinzu. Schließlich müssen beide Tierarten den Umgang miteinander lernen. Wenn auch das klappt, darf Hund die erste Jagdgesellschaft anführen. Damit hört das Training aber noch lange nicht auf. „Wir üben mit unseren Hunden zwei- bis dreimal in der Woche. Allerdings im deutlich kleineren Rahmen als hier“, erzählt Natalie Wiederspahn von der Vogelsberger Meute. Die richtigen Schleppjagden finden nur im Frühjahr und Herbst statt. Neue Pferde begleiten die Schleppjagden anfangs oft als Zuschauer aus der Entfernung und/oder nur in einzelnen Etappen.

Die Meute muss zusammenbleiben

Die Jagdgesellschaften geben aber nicht die komplette Strecke Vollgas. Zwischen den Schleppen geht es im Schritt vorwärts. Für die Meuten heißt das, zusammenbleiben und dafür sorgen ganz bestimmte Reiter. Die sogenannte Equipage setzt sich aus Reitern beider Meuten zusammen, die die 44 Hunde einkesseln. Sie haben Hetzpeitschen in der Hand, deren langer, geflochtener Riemen schnell nach vorne schießen kann, um beispielsweise einen der Beagle vorm Ausbrechen zu hindern. Auch das müssen sowohl Hund als auch Pferd und Reiter lernen. Verletzt wird dabei niemand!

Da es früher Vorfälle gab, bei denen Zuschauerhunde verletzt und Wild gehetzt wurde, haben sich die Regeln verschärft. Nun dürfen nur noch geprüfte Meuten auf die Schleppjagd. Die Festigkeit und Zuverlässigkeit der Hunde wird alle zwei Jahre getestet. Aber nicht nur die Hunde müssen wesensfest sein, sondern auch Pferde und Reiter. „Die Reiter sollten erfahren sein, sicher im Sattel sitzen und selbstständig Pferd sowie Hund im Auge behalten können. Bei den Pferden sind Trittsicherheit und Zuverlässigkeit wichtig. Außerdem sollten Reiter und Pferde nervenstark sein“, sagt Sabine Walter.

Manch Hund verlässt die Schleppjagd früher

Drei Schleppen haben die beiden Meuten jetzt bereits hinter sich. Die Foxhoundmeute hat sich mittlerweile etwas verkleinert, da ein paar ältere und jüngere Hunde die lange Distanz nicht mehr oder noch nicht bewältigen können.

Verletzte Tiere oder Hunde, die aus irgendeinem anderen Grund nicht mehr mit Freude der Pansenspur folgen, verlassen die Schleppjagd. Deshalb folgt stets ein Meutebus der Jagdgesellschaft und bleibt in der Nähe, um die Hunde einzusammeln.

Für die restlichen Vier- und Zweibeiner folgt nun eine Pause samt Stärkung auf einer Wiese. Die Equipage hält die Meuten wieder zusammen und Helfer bringen Wasser sowie ein paar Leckereien, die die Beagle und Foxhounds freudig zwischen den Grashalmen aufschlecken. Manch Beagle will aber nicht ausruhen und versucht sich immer wieder an den Pferdebeinen vorbei zu schleichen, um die Gegend zu erkunden. Doch die Piköre halten sie mit den Hetzpeitschen auf – ohne Gewalt oder Schmerz versteht sich. Und wenn es doch einer der Beagle schafft, die Barriere zu durchbrechen, wird er schnell wieder eingesammelt.

Das Beste für den Hund kommt zum Schluss

Rüden nehmen normalerweise bis zu ihrem siebten oder achten Lebensjahr an Schleppjagden teil. Hündinnen scheiden meist eher aus, wenn sie zum Beispiel für die Zucht eingesetzt werden. Dann verlassen die Hunde den Kennel und dürfen in Privathaushalten sozusagen ihre Rente genießen. „Die Umstellung folgt ganz problemlos: Also sie wechseln schnell von einem Meute- zum Sofahund“, so Sabine Walter.

Noch zweimal geht es  im Galopp über Wiesen, Baumstämme und Hecken, bevor die Jagdgesellschaft samt Zuschauerkonvoi wieder vor dem Schloss Fasanerie eintrifft. Hier erwartet die Beagle und Foxhounds die große Belohnung. „Früher durften die Hunde das gehetzte Wild zerlegen, heute bekommen sie Rinderpansen“, erzählt Sabine Walter. Der liegt bereits auf dem Asphalt. Die Hunde müssen aber noch in ihrer Formation warten. Sie recken ihre Nasen in die Luft. Der Blick ist starr nach vorne gerichtet, auf das für sie köstliche Festmahl. In ihren Augen sieht man deutlich die Vorfreude. Doch keiner wagt sich in die Nähe – nicht ohne Erlaubnis. Auch das muss Hund können. Dann folgt endlich die ersehnte Freigabe. Es gibt kein Halten mehr und ein richtiges Gewusel herrscht auf dem Platz. Jeder will die Beute ergattern. Fünf sechs Hunde zerren gleichzeitig an den Pansen herum. Von Ärger keine Spur. Nur ein Foxhound pöbelt einen Beagle an. Doch schnell schreitet ein Pikör ein: Es reicht ein lauteres Wort und im Nu ist der Frieden wieder hergestellt. Mit dem letzten Fetzen Pansen im Hundemagen endet schließlich die Schleppjagd.

Foto: © alle: Annika Grunert

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