„Es ist 22.36 Uhr als Frau Meyer ihren Labrador Balou dabei erwischt, wie er ihren Schokoladenvorrat plündert. Weil sie weiß, wie giftig gerade ihre bitteren Lieblingssorten für Balou sind, fährt Frau Meyer sofort besorgt zu ihrer Tierarztpraxis. Hier war sie schon häufiger mit ihrem Leckermaul im Notdienst, doch nun steht sie vor verschlossenen Türen. Als sie auf dem Praxistelefon anruft, erfährt sie von einer Bandansage, dass sie in die nächste Universitätsklinik fahren soll. Doch die ist 100 Kilometer entfernt….“

Immer mehr Regionen Deutschlands ohne tierärztlichen Notdienst

So wie Frau Meyer aus unserer Geschichte könnte es bald vielen Tierbesitzern gehen. Einige Kliniken gaben bereits ihren Klinikstatus ab, nennen sich fortan „Tiergesundheitszentrum“ oder „Zentrum für Kleintiermedizin“ und bleiben nachts, am Wochenende und an Feiertagen geschlossen. Der Hintergrund: „Tierärztliche Klinik“ dürfen sich nur Praxen nennen, die an sieben Tagen die Woche 24 Stunden täglich Patienten annehmen.

Zusätzlich zu den verbleibenden Kliniken schließen sich normalerweise die Tierarztpraxen einer Region zu einem Notdienstring zusammen. Sie wechseln sich also ab, um nachts und an den Wochenenden eine Erstversorgung bei Notfällen anzubieten. Auch hier steigen immer mehr Praxen aus dem Notdienst aus.

Warum bieten immer weniger Tierärzte einen Notdienst an?

Über die Ursachen für den Notdienst-Notstand wird viel diskutiert. Eine große Rolle spielt das Arbeitszeitgesetz. Dieses sieht vor, dass in Vollzeit angestellte Tierärzte im Schnitt nicht mehr als acht Stunden täglich arbeiten dürfen. Die tägliche Höchstarbeitszeit liegt bei zehn Stunden und zwischen zwei Arbeitseinsätzen muss eine ununterbrochene Ruhezeit von elf Stunden eingehalten werden. Was für viele Arbeitnehmer als selbstverständlich gilt, wurde in der Vergangenheit in Praxen und Kliniken häufig missachtet – unter anderem, um Tieren rund um die Uhr helfen zu können und ein ausreichendes Einkommen für die Praxis zu sichern. Gepaart mit relativ niedrigen Gehältern kann das dazu führen, dass mehr Tierärzte sich beruflich umorientieren und es künftig an Fachkräften mangelt, was es immer schwieriger macht, Notdienste zu organisieren.

Damit Praxen alle Tag-, Nacht- und Wochenenddienste gemäß Arbeitszeitgesetz besetzen können, benötigen sie laut Bundesverband Praktizierender Tierärzte e. V. (bpt) mindestens vier Teams aus Tierarzt und tiermedizinischem Fachangestellten – und das ist teuer. Der bpt hat errechnet, dass es Praxis- oder Klinikinhaber monatlich mindestens 60.000 Euro kostet, über die normalen Sprechzeiten hinaus dienstbereit zu sein. Diese Summe muss eine Praxis, die rund um die Uhr einen Notdienst anbietet, also mindestens zusätzlich zum normalen Geschäft erwirtschaften, um keine finanziellen Verluste zu erleiden. Das ist auch einer der Gründe, warum Sie als Tierbesitzer im Notdienst oft tiefer in die Tasche greifen müssen.

Was heißt das nun für mich als Tierbesitzer?

Keine Panik: Für die meisten von Ihnen wird sich vermutlich erstmal wenig ändern. Sicherheitshalber sollten Sie sich aber bereits vorab bei Ihrem Haustierarzt oder im Internet informieren, wie der Notdienst in Ihrer Region organisiert ist und wo sich die nächste Klinik befindet. Viele Tierärzte bieten für ihre Kunden auch einen Bereitschaftsdienst an. Sie sind also nicht die ganze Zeit vor Ort, aber trotzdem telefonisch erreichbar und kommen im Notfall in die Praxis. In manchen Regionen finden Tierbesitzer allerdings bereits jetzt nachts und an den Wochenenden oder Feiertagen immer weniger Anlaufstellen für ihre kranken Vierbeiner oder müssen weite Strecken zur nächsten Klinik zurücklegen. Zudem können die verbleibenden Praxen und Kliniken überlastet sein, sodass Sie möglicherweise länger im Wartezimmer sitzen.

Womit Sie auf jeden Fall rechnen müssen, wenn Sie Ihren Liebling im Notdienst vorstellen, sind höhere Kosten. Laut Gebührenordnung für Tierärzte, dürfen tierärztliche Leistungen nachts (zwischen 19 und 7 Uhr), an Wochenenden (samstags 13 Uhr bis montags 7 Uhr) und an Feiertagen bis zum dreifachen Satz abgerechnet werden. Es kann sich daher lohnen, genau abzuwägen, ob es sich wirklich um einen dringenden Notfall handelt oder ob ein Besuch in der nächsten regulären Sprechstunde ausreicht. Die Bundestierärztekammer hat dazu einen hilfreichen Notdienst-Flyer entwickelt. In jedem Fall lohnt es sich, rechtzeitig eine Tierkranken- oder OP-Versicherung abzuschließen, um im Notfall keine Gedanken an die Kosten verschwenden zu müssen.

Foto: © beavera/Adobestock

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